Filmmusik und Synkopen.

Was wären Filme ohne Filmmusik! Etwa die Duschszene in Psycho ohne die Partitur von Bernard Herrmann: Die Violinen sägen, kreischen, beißen ins Ohr und stechen zu wie das Messer in der wohl am schnellsten geschnittenen Szene der Filmgeschichte vor 1960. In der englischen Partitur steht als Vortragsanweisung für die Streicher nicht nur fortissimo, sondern auch brutale. Diese Stelle ist mit ihrer an die Nerven gehenden Dramatik legendär geworden. Und wurde auch oft genug parodiert. In einer Version öffnet die Dame (statt sich erwartungsgemäss abstechen zu lassen) sichtlich genervt den milchigen Vorhang und gibt so den Blick auf die Musiker frei, die jene schrillen Begleittöne im Hintergrund produziert haben und die – so ihr Wunsch – das nächste Mal doch gefälligst woanders üben sollten und nicht gerade in ihrem Badezimmer! Was unter anderem zeigt, wie gut selbst die atonalsten Klänge vom Kinopublikum akzeptiert werden, während sie beim Duschen ganz offensichtlich stören. Im Film ist Musik ist eben da. Sie gehört einfach zur Ausstattung eines Filmes, und es würde eher auffallen, wenn ein Spielfilm von zwei Stunden Länge keinerlei Musik hätte. Ja man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass sich realistisches Filmerleben und Musik in einer Art Umkehrverhältnis zueinander befinden: Je “echter” die Handlung wirken soll, desto mehr bedarf sie der Töne. Und je unbewusster diese wiederum aufgenommen werden, desto überzeugender sorgen sie für die gewünschte Stimmung (z.B. Angst, Hassgefühl, Freude, Zuneigung).

Wie gut Assoziationen in Musik verpackt werden können, zeigt etwa das Titelmotiv aus „Die glorreichen Sieben“ von Elmer Bernstein. Wenn es erklingt, hängt das Bild, das vor unserem geistigen Auge entsteht, vermutlich erst einmal davon ab, ob wir Raucher oder Nichtraucher sind. Im ersteren Falle stellt sich Lagerfeuerromantik mit einer Marlboro-Kippe ein, im letzteren Falle „sehen“ wir sieben Wildwest-Gestalten, von denen wir wissen, dass es sich um lauter hochanständige, wenn auch keineswegs zögerliche Charaktere handelt, die im gestreckten Galopp durch die Prärie fliegen. Wir erleben diese Westernhelden sogar weitaus actionreicher als sie es in Wahrheit sind. Denn Bernsteins synkopischer Rodeo-Rhythmus (mit der Betonung der normalerweise unbetonten Taktstellen) treibt die Bilder ungemein an und sorgt selbst bei verhältnismäßig braven Szenen für die gewisse Brisanz, bei der man permanent den Wildwest-Staub aufwirbeln sieht.

Ob es wohl jemals ein Musikstück gegeben hat, bei dem die Omnipräsenz der Synkopen derart auf die Spitze getrieben wurde? Nicht, dass die Synkope nicht schon früher als Stilmittel benutzt worden wäre. Die barocken Komponisten liebten sie und in der Sarabande ist sie sogar Charaktermerkmal. Mozarts berühmtes d-moll-Klavierkonzert beginnt mit Synkopen der Streicher und diese rhythmischen Asymmetrien ziehen sich quer durch seine „kleine“ g-moll-Sinfonie. Beethovens erster Satz in der Eroica beinhaltet die Synkope als Gestaltungsmittel ebenso wie das Thema der „Ode an die Freude“ aus der Neunten Sinfonie. Richtig populär wurde sie aber erst mit dem Jazz, wenngleich sie auch bereits in seinen Frühformen, etwa den Ragtimes eines Scott Joplin stilbildend war.

Das Berliner Streichquartett Femmes Quartales hat sich der Filmmusik wie auch der Synkope in gewohnt intim-kammermusikalischer Weise angenommen. Ob Bach’sche Sarabande, Ragtimes von Joplin, Die Glorreichen Sieben oder James Bond-Motive – in der kleinen Besetzung tritt der musikalische Wert dieser Stücke zutage mit ihren bezaubernden Rhythmen, schönen Melodien und verschwommenen Erinnerungen an Yul Brunner, Steve McQueen und an Martini „geschüttelt, nicht gerührt“.

www.slupinski-live-musik.de/musik/streichquartett-berlin-femmes-quartales-das-streichquartett-aus-berlin/

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