Kurioses über Nationalhymnen.

Es ist schon verrückt: Nationalhymnen sollen ein einheitsstiftendes Element bilden, Nationalstolz ausdrücken, die Menschen einer Nation auf bestimmte Werte einschwören. Dabei sind viele Nationalhymnen Mogelpackungen, frei nach den Prinzen: „…alles nur geklaut“! Das betrifft vor allem die zugrundeliegenden Melodien.

Nicht viele Länder lieben ihre Nationalhymne so sehr wie die USA. In einigen Schulen wird „The Star-Spangled Banner“ jeden Morgen gesungen, auch bei Highschool-Basketball-Spielen darf sie nicht fehlen. Und der Superbowl, das Finale der American-Football-Meisterschaft, ohne Hymne – das geht überhaupt nicht. Was viele aber nicht wissen: Die US-amerikanische Hymne basiert ursprünglich auf einem britischen Trinklied mit dem Titel “To Anacreon in Heaven”. Komponiert wurde es um 1780 von John Stafford Smith. Es war das Clublied der “Anacreontic Society” und wurde innerhalb der Gesellschaft von 1772 bis 1792 als Trinklied gesungen. Ihr Inhalt stellt eine Huldigung an den Dichters Anakreon und seinen bacchantischen Stil dar. Die Melodie wurde in den USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr beliebt und mit verschiedenen Texten belegt, unter anderem “Adams and Liberty” und „When the Warrior Returns from the Battle Afar.” 1931 wurde daraus die Nationalhymne zu einem Text von Francis Scott Key.

Abgekupfert wurde freilich auch andernorts. Einige lateinamerikanische Nationalhymnen etwa wurden von ausländischen Komponisten geschrieben – und diese bauten beliebte Opernmelodien ein: Der französische Komponist Antonio Neumane bediente sich für die Hymne von Ecuador der Wahnsinns-Arie aus Vincenzo Bellinis „I Puritani“. Der Italiener Giovanni Enrico Aberle Sforza pickte einen Teil aus Meyerbeers Krönungsmarsch „Le Prophète“ für die Hymne von El Salvador. Und der Ungare Francisco José Debali coverte für die Hymne von Uruguay eine Phrase aus Donizettis „Lucrezia Borgia“.

Und so geht es munter weiter: Die israelische Nationalhymne etwa klingt verdächtig nach Smetanas Moldau, aber es kommt noch viel besser! Von 1919 bis 1948 sangen Südkoreaner/innen ihre Nationalhymne auf die schottische Volksmelodie „Auld Lang Syne“. Den Vogel schiesst mithin der US-Staat Maryland ab. In den USA hat jeder Staat neben der Nationalhymne auch noch seinen „State Song“. „Maryland, my Maryland“ wird – ohne Witz – auf die Melodie von „O Tannenbaum“ gesungen! Da nimmt es sich geradezu seriös aus, dass West Virginia seit 1971 John Denver’s „Take me home country roads“ zum State Song auserkoren hat. Die Pointe dabei: Der Musiker aus New Mexiko besang in diesem Lied den Shenandoah River und die Blue Ridge Mountains. Unglücklicherweise befinden sich diese fast vollständig im Nachbarstaat Virginia. Für die Bewohner von West Virginia spielt das aber anscheinend keine Rolle…

Unfassbar auch, was man alles mit der britischen Nationalhymne angestellt hat. Paganini, Liszt und Johann Straus Vater liessen sich musikalisch über sie aus. Diese Melodie war Nationalhymne in Russland (1816-33), im Deutschen Reich (1871-1918), in Preussen (seit 1795), in den Königreichen Sachsen, Bayern und Hannover, in Hawaii, in Island und bis 1961 auch in der Schweiz. In Liechtenstein ist sie es sogar bis heute!

Nun aber zur aktuellen deutschen Nationalhymne: Zum Text “Gott erhalte Franz den Kaiser” komponierte Joseph Haydn bekanntlich im Jahre 1796 die Melodie für die österreichische “Kaiserhymne”. Der Text für die deutsche Nationalhymne wurde von Hoffmann von Fallersleben verfasst. Sein Gedicht „Das Lied der Deutschen” entstand 1841 auf Helgoland. Erst 1922 wurde dieser Text mit der Melodie von Haydn zusammengefügt und vom Reichspräsidenten Friedrich Ebert offiziell zur deutschen Nationalhymne erklärt. So weit, so gut. Tatsächlich hat man aber nachgewiesen, dass Haydn für „seine“ Melodie Versatzstücke eines gregorianischen Chorals, einer Motette von Mozart, eines Stücks von Telemann und vor allem ein kroatisches Volkslied verwendet hat. Tatsächlich zitiert Haydn vier Takte lang im Original „Stal se jesem v jutro rano“ (“Früh am Morgen stehe ich auf”), das er vermutlich schon in seiner Kindheit gehört hatte. Das gleiche Volkslied wurde im österreichischen Burgenland, wo schon jahrhundertelang eine starke kroatische Minderheit lebte, gesungen. Haydn hat diese Melodie auch in anderen Werken verwendet, so in einer Messe von 1766 und im langsamen Satz seines Trompetenkonzerts. Überhaupt hatten es ihm kroatische Weisen angetan. Das kroatische Volkslied “Oj, Jelena, Jelena, jabuka zelena” etwa nahm er als Vorbild für das Finalthema in seiner letzten Londoner Sinfonie in D-Dur.

Bei allen Grenzüberschreitungen klingen Nationalhymnen auf der ganzen Welt aber doch erstaunlich ähnlich und vor allem westlich. Denn es scheint, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur zwei Prototypen zu geben: den choralartig-feierlichen Stil von „God save the queen“ und die militant-revolutionäre Marseillaise. Die deutsche Nationalhymne gehört sicher zur ersten Gruppe. Aber wie friedvoll-lyrisch wirkt sie im Original, in Haydns „Kaiserquartett“, vor allem in der anrührenden Interpretation des Berliner Streichquartetts Femmes Quartales! Man fühlt sich nach Skandinavien versetzt und an die stillen, anheimelnden Hymnen Finnlands, Schwedens oder Dänemarks erinnert!

www.slupinski-live-musik.de/musik/streichquartett-berlin-femmes-quartales-das-streichquartett-aus-berlin/

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auf einem kleinen Inselstaat -einer vormals deutschen Kolonie- vor Afrika oder in der Südsee soll die Nationalhymne nach der Haydn Melodie (Kaiserhymne) gespielt werden. Ist das richtig?

    • Hallo Herr Graeber. Nur zur Sicherheit bitte eine Nachfrage. Meinen Sie die Melodie der jetzt Deutschen Nationalhymne oder die Melodie des Liedes „Heil Dir im Siegerkranz”? Frohe Ostern aus Berlin.

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