Über das Streichquartett an sich.

Lange ist es her, dass Joseph Haydn seine Streichquartette op.33 mit den Worten einführte, sie seien „auf eine ganz neue, besondere Art“ komponiert. Das war 1781 und mit dieser Werkgruppe brachte er die Gattung zu einer mustergültigen klassischen Form. Vor 200 Jahren schliesslich war das Streichquartett regelrecht „en vogue“. Das Modell des klassischen Streichquartetts im Sinne Haydns stellte dabei nur eine von vielen Möglichkeiten dar, ein Quartett zu gestalten. Man war ebenso bestrebt, diesen Stil für ein breites Publikum zu vereinfachen und das Quartettspiel auf diese Weise zu popularisieren. Das aufstrebende Wiener Bürgertum bevorzugte die „leichtere“ Version des Quartettspiels im engen Familienkreis. Diese Form liess sich in Zeiten des aufblühenden Wiener Musikverlagswesens ausgiebig vermarkten und so erschienen allein in Wien zwischen 1800 und 1828 über 400 Werke von rund 50 Komponisten im Druck!

Und heute? Vielen gilt das Streichquartett inzwischen als bürgerlich, verstaubt und konservativ. Pierre Boulez erklärte es in seinen radikalen Jahren sogar schon einmal für tot (wie er es auch in Bezug auf Schönberg getan hatte, aber der war tatsächlich im Vorjahr gestorben). Nun, Boulez hat danach Schönberg noch ganz oft aufgeführt und auch Streichquartette werden bis heute geschrieben. Immer mehr Bearbeitungen moderner Musik für diese traditionelle Besetzung finden sich auf dem Musikmarkt. Und überhaupt: Was heisst schon Tradition? Bereits Konfuzius wusste: Tradition heißt nicht, die Asche zu bewahren, sondern die Glut weiterzutragen.

Diese Glut glimmt bereits seit einem Vierteljahrtausend. Sie nährt sich zum einen aus dem hohen Anspruch ans Streichquartett. Schon Johann Joachim Quantz schrieb im Jahre 1752: „Das Quatuor, (…) ist eigentlich der Probierstein eines echten Kontrapunktisten; aber auch eine Gelegenheit, wobei mancher, der in seiner Wissenschaft nicht recht gegründet ist, zu Falle kommen kann.“ Und über hundert Jahre später bemerkte der Musikphilosoph Heinrich Adolf Köstlin: „So ist in der Tat das Streichquartett die edelste und geistvollste Darstellung der Sonatenform und bietet den geistigsten Musikgenuss.“

Zum anderen nährt sich jene Glut aus dem untrüglichen Gefühl, dass hier vier Instrumente miteinander im Disput stehen und aufs Heftigste miteinander debattieren. So schrieb Goethe im Jahre 1829 an den Musikpädagogen Carl Friedrich Zelter über das Streichquartett: „Diese Art Exhibitionen waren mir von jeher von der Instrumental-Musik das Verständlichste, man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.“

Damit wird genau der typische Spannungsbogen beschrieben, den auch die Femmes Quartales ein ums andere Mal errichten. Ist es ein Miteinander, ein Gegeneinander, ein Füreinander oder einfach nur ein Einander?

Wie auch immer – diese Art zu musizieren, wird nie aussterben. Oder um mit Konfuzius zu schliessen: Du kannst den Hahn zwar einsperren, die Sonne geht dennoch auf.

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